Buchbesprechung: William Isaacs, Dialog als Kunst gemeinsam zu denken
Sie haben eine schwierige Frage in sich getragen, und Sie haben versucht, mit
jemandem darüber zu sprechen: haben Sie die Erfahrung gemacht, dass man
Ihnen wirklich zugehört hat? Oder haben Sie die Hoffnung aufgegeben,
dass Ihnen jemand wirklich zuhören könnte?
Leben Sie auch in einer Welt, wo diskutiert und argumentiert wird, wo jeder
und jede meint, Recht zu haben, den eigenen Standpunkt verteidigt und nach Beweisen
für die Richtigkeit der eigenen Meinung sucht?
Das Buch von William Isaacs ist ein leidenschaftliches Plädoyer für
die andere Art der Kommunikation: für die dialogische Kommunikation. Es
ist allerdings nicht leichte Kost, sondern der Inhalt will erarbeitet sein.
Der Text ist sehr dicht und gehaltvoll. Es ist ein Arbeitsbuch zum strategischen
Dialog, sehr anregend, ich bin wieder einmal begeistert. Und am Ende des Buches
frage ich mich verwundert, warum sich die dialogische Kommunikation eigentlich
noch nicht in der ganzen Welt durchgesetzt hat.
Warum das mit dem Dialog so schwierig ist, beschreibt Isaacs im ersten Teil
des Buches ('Was ist Dialog?'), in dem er über das Denken schreibt. Darüber,
wie wir aus implizitem Wissen heraus funktionieren, wie wir Abstraktionen erzeugen,
wie wir die Welt fragmentieren und damit Dinge, die auf einer tieferen Ebene
miteinander verbunden sind, auseinanderdividieren und so deren Ganzheit zerstören.
Wie wir immer wieder statt aus dem Moment heraus aus unseren Erinnerungen agieren
und leben und uns so durch unsere vergangenen Erfahrungen bestimmen lassen.
Und wie wir an unseren Gewissheiten und Ansichten festhalten, weil wir mit unseren
Ideen identifiziert sind.
Im zweiten Teil ('Kapazitäten für neues Verhalten') beschreibt
Isaacs die Bausteine des Dialogs: Zuhören, Respektieren, Suspendieren,
Artikulieren.
Zuhören bedeutet, aus einem inneren Schweigen heraus etwas auf sich
wirken zu lassen.
Respektieren: (lateinisch re-spectere: erneut hinschauen, beobachten)
bedeutet, auf Abwehr, Schuldzuweisung, Abwertung und Kritik zu verzichten. Das
Gegenüber darf so sein, wie es ist.
Suspendieren: (lateinisch: herabhängen; indogermanisch: spenn: spinnen,
ziehen, etwas so aufspannen, das es sichtbar wird wie ein Spinnennetz vor einem
Fenster) bedeutet, "die eigene Meinung weder zu unterdrücken noch
stur dafür zu plädieren, sondern auf eine Weise vorzutragen, die es
einem selbst und anderen ermöglicht, sie wahrzunehmen und zu begreifen.
Suspendieren heisst, auftauchende Gedanken und Gefühle zur Kenntnis zu
nehmen und zu beobachten, ohne zwangsläufig danach handeln zu müssen."
(S.123)
Artikulieren heisst, die eigene, authentische Sprache finden und seine
eigene Wahrheit aussprechen.
Zuhören setzt Isaacs in Zusammenhang mit Partizipieren: wenn ich
wirklich zuhöre, kann ich teilhaben an etwas Grösserem, ich kann teilhaben
am Wesen meiner Gesprächspartnerin, und wir können in einen gemeinsamen,
erfrischenden Fluss von Austausch eintreten, der im Moment entsteht und nicht
aus der Erinnerung erzeugt ist. Das ist Teilhaben am Sein an sich.
Respektieren bringt der Autor in Zusammenhang mit Kohärenz: die
Welt ist ein ungeteiltes Ganzes. Als Menschen teilen wir alle die gleichen Erfahrungen.
Was jemand beschreibt, ist auch Teil von mir, wenn ich an dieser Ganzheit teilnehme
und teilhabe. Dann muss ich andere nicht ausgrenzen, und auch ich selber kann
meine abgespaltenen Teile zu mir nehmen. Alles ist eins, nichts ist draussen,
alles gehört dazu. Das ist Respekt, mir und den anderen gegenüber.
Suspendieren setzt William Isaacs mit Bewusstheit in Zusammenhang: diese
ist Voraussetzung für das Suspendieren. Wir brauchen eine Wahrnehmung für
den Vorgang des Denkens, für die Inhalte, die permanent in uns entstehen,
und für die Prozesse, wie diese Inhalte in uns entstehen. Diese Propriozeption
des Denkens ist anspruchsvoll und muss geübt werden. Wenn wir diese Bewusstheit
haben, ist es möglich, uns weniger mit unseren Ideen zu identifizieren.
Artikulieren bringt der Autor in Zusammenhang mit Entfalten: Unsere eigene
Wahrheit entfaltet sich im Dialog aus einem Raum der Leere, das Implizite entfaltet
sich in die explizite, sichtbare Welt, um sich dann wieder in die Unsichtbarkeit
einzufalten.
Im dritten Teil ('Prognostische Intuition') macht sich der Autor Gedanken
darüber, wie wir die Kräfte, die ein Gespräch bestimmen, voraussehen
und verstehen können. Er beschreibt ein Kommunikationsmodell mit den 4
möglichen Aktionsformen eines Gesprächs: den Initiator, den Anhänger,
den Widersacher und den Beobachter. Dabei übernehmen die Beteiligten nicht
willkürlich ihre Position, sondern das Gespräch fordert die verschiedenen
Rollen ein. In einem guten Gespräch sind alle 4 Aktionsformen präsent,
und alle Teilnehmer können wechselnd verschiedene Positionen einnehmen.
Für Isaacs entsprechen diese 4 Aktionsformen den 4 Praktiken des Dialogs:
Initiator Artikulieren
Anhänger Zuhören
Widersacher Respekt
Beobachter Suspendieren.
Dann schreibt Isaacs über 3 unterschiedliche Sprachen, die Menschen sprechen:
die Sprache des Affekts (z.B. im Personalbereich), die Sprache des Sinns (z.B.
in Wissenschaft und Forschung) und die Sprache des Handelns (z.B. im Management).
Und er beschreibt die 3 System-Paradigmatas: das offene System (z.B. Internet,
Lernende Organisation), das geschlossene System (z.B. Militär, traditionelle
Gruppen) und das randomisierte System (z.B. akademische Institutionen, Jazz-Musik).
Es ist wichtig für die Entwicklung des Dialogs, dass die Unterschiede in
der Sprache und im Systemparadigma verstanden werden. Dann können auch
diese Elemente Inhalt von Erkundungsprozessen sein.
Hier würde auch das Kommunikationsmodell 'Charakterstrukturen' des GFK
hingehören, vor allem die sehr aufschlussreiche Beschreibung der Selbstverengungen
und das Verständnis dafür, wie diese Verengungen jeden Ansatz von
Dialog wirksam verhindern.
Im vierten Teil des Buches ('Die Architektur des Unsichtbaren') wird
es richtig spannend. Hier schlägt der Autor einen Wechsel vom systemischen
zum feldorientierten Denken vor: Gespräche finden in Feldern statt, die
bestimmte Eigenschaften haben und die in Gruppen und Organisationen ständig
neu entstehen und sich verändern.
In seiner jahrelangen Arbeit mit dem Dialog hat der Autor 4 typische Gesprächs-Felder
herausgearbeitet, durch die sich Dialog-Gruppen in ihrer Entwicklung bewegen.
Das 1. Feld beschreibt Isaacs als 'Instabilität des Feldes / Höflichkeit
im Container'. Hier herrscht Mangel an Reflexion, Furcht und normgerechtes Verhalten
vor. Schweigen wirkt unangenehm. Die Zeit ist linear.
Die 'Krise der Leere' bringt die Teilnehmer dazu, ihre Erwartungen loszulassen,
damit sich etwas Neues entwickeln kann.
Im 2. Feld ('Instabilität im Feld / Zusammenbruch im Container')
beginnen die Leute, zu sagen, was sie wirklich denken. Zorn herrscht vor. Der
Container ist stabiler und erträgt mehr Intensität und Druck. Es geht
darum, ein neues Set von Regeln zu suchen, die eine andere Form des gemeinsamen
Denkens, Redens und Arbeitens ermöglichen. Schweigen ist konflikthaft.
Die Zeit läuft davon, wird oft als zu kurz empfunden.
In der 'Krise des Suspendierens' findet die Gruppe langsam zu fliessender Erkundung
und Reflexion. Die Erfahrung wird möglich, dass ich nicht identisch bin
mit meinem Standpunkt. So wird Suspendieren möglich, was den Raum für
Erkundung weitet.
Im 3. Feld ('Erkundung des Feldes und Entstehung des reflexiven Dialogs')
ist die Neugier das bestimmende Gefühl. Die Teilnehmenden beginnen, ihre
Annahmen wahrzunehmen und zu untersuchen. Schweigen ist hier nachdenklich, man
wartet, blickt nach innen. Die Zeit-Erfahrung verändert sich, der lineare
Ablauf der Zeit tritt zurück zugunsten einer qualitativen Zeit-Erfahrung.
In der 'Krise der Fragmentierung' erkennen die Menschen die Auswirkungen der
Fragmentierung, und sie können ihre isolierte Identität aufgeben,
weil sie erfahren, dass sie gemeinsam mit anderen mehr erkennen können
als alleine.
Das 4. Feld ('Kreativität im Feld: Generativer Dialog') ist eine
seltene Errungenschaft. Die Menschen partizipieren an einem gemeinsamen Bedeutungspool,
sie haben Teil an einem grösseren Ganzen. Die Gruppe bewegt sich oft synchron,
und Erfahrungen lassen sich häufig nicht mehr in Worte fassen. Stille ist
oft heilig. Die Weisheit der Gruppe hat Vorrang. Zeit hat die Qualität
des gegenwärtigen Augenblicks, Stunden vergehen oft wie Minuten.
Man weiss jetzt, dass ganz andere Gespräche möglich sind, und die
Rückkehr in die Welt löst oft eine Krise aus, da die meisten diese
andere Qualität nicht kennen. Aber dieser Raum kann nicht konserviert werden.
Wichtig ist die Erfahrung, dass eine Bewegung durch diese 4 Räume möglich
ist, und welche Bedingungen dazu nötig sind.
Es ist spannend, die eigenen Dialog-Erfahrungen mit der Beschreibung der 4 Dialog-Felder
von Isaacs zu vergleichen und zu überlegen, in welchen Feldern sich die
Gruppen bewegen.
Ein Dialog kann nicht erzwungen werden, aber wir können die Bedingungen
schaffen, unter denen ein Dialog möglich wird. Dazu gehört das Wissen,
dass die 4 verschiedenen Dialog-Felder eine unterschiedliche Begleitung
des Dialog-Prozesses brauchen.
Im 1. Feld geht es zuerst einmal um den Aufbau des Containers. Einen
sicheren Raum für alle Teilnehmenden schaffen, die Visionen des Dialogs
ansprechen, motivieren, nicht beurteilen, das Zuhören vertiefen. Und die
Teilnehmenden durch die erste Krise hindurch begleiten.
Im 2. Feld geht es darum, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, in
der Konflikte ausgehalten werden können. Hilfestellungen bieten, um die
Kräfte, Konflikte und Dilemmas zu verstehen, die den Dialog verunmöglichen.
Vermitteln, was 'Suspension' bedeutet.
Im 3. Feld werden die Begleitenden gleichberechtigte Mitglieder eines
grösseren Erkundungsprozesses. Durch das eigene Vorbild fördern sie
die reflektierende Erkundung der ganzen Gruppe.
Die Begleitung im 4. Feld ist dienende Begleitung: was können wir
als Gruppe für ein grösseres Ganzes tun? Welche Handlungsmöglichkeiten
entstehen aus unseren Gesprächen? Die Kräfte, die hier am Werk sind,
übersteigen die Kräfte des Einzelnen, und die Fragen weisen über
die Einzelnen hinaus. Begleitung heisst in diesem Feld wechselnde Begleitung:
wer artikulieren kann, was im Moment geschieht, hat in diesem Moment die Rolle
der Leiterin.
Wenn der Gesamtprozess reflektiert werden kann, wird Wissen generiert, das in
andere Umgebungen weitergetragen werden kann.
Im fünften Teil des Buches ('Die Erweiterung des Kreises') beschreibt
Isaacs die Bedeutung des Dialogs in grossen Kontexten von Gesellschaft, Wirtschaft
und Politik. In all diesen grossen Räumen können wir nicht mit den
Mitteln, Ideen und Institutionen der Vergangenheit Neues erschaffen. Die Welt
der vernetzten Ökonomie, die Globalisierung, der Vorrang von Informationen,
Ideen und Beziehungen, ein Wissensmanagement, das das vorhandene Wissen allen
zugänglich macht, erfordern neue Wege. Persönliche Veränderungen
reichen nicht aus, wir brauchen kollektive Veränderungen. Wir müssen
lernen, nicht nur alleine, sondern mit anderen zusammen zu denken. Wir müssen
lernen, gewohnte, festgefahrene Denk- und Interaktionsmuster gemeinsam zu erkunden,
zu reflektieren und zu verändern.
Und der Autor beschreibt aus seiner Praxis verschiedene Beispiele, wie er mit
dem strategischen Dialog tief greifende Veränderungsprozesse begleitet
und ermöglicht hat: Shell, Ford, Ikea, Volvo, Initiative von Den Haag,
Dialog-Wochenende mit dem amerikanischen Kongresses, Dialog im Gefängnis.
Alle diese Beispiele sind sehr interessant, lehrreich und anregend zu lesen.
Ich habe dieses Buch mit grossem Gewinn gelesen. Ich kann es allen empfehlen,
die sich tiefer in den Dialog, vor allem den strategische Dialog, einarbeiten
wollen, und die mit grösseren Organisationen dialogisch arbeiten möchten
oder schon arbeiten.
Der Autor bietet viel wichtige und relevante Information, um den Dialog weiterzuentwickeln.
Ich wünsche von Herzen, dass das Buch reiche Früchte trägt.