«MÄNNLICHKEIT HAT EIN SCHLECHTES IMAGE»                                 Text ald pdf downloaden

Werden Buben in der Schule systematisch entmännlicht? Ja, aber ohne böse Absicht, ist Walter Hollstein überzeugt. Der Soziologe über die Diskriminierung der Männer und die fatalen Folgen für die Gesellschaft.

Dieses Interview mit Walter Hollstein ist im Migros Magazin Nr.28 vom 12.Juli 2010 erschienen.


Walter Hollstein, Sie behaupten, der Mann stecke in der Krise. Wie meinen Sie das?
Von der Männlichkeit, wie sie früher gelebt wurde, ist kaum etwas übrig geblieben. Insofern haben vor allem Jüngere Rollenkonflikte und Identitätsprobleme. Männlichkeit wird heute fast durchgängig negativ dargestellt: Männer sind Kriegstreiber, Vergewaltiger und so weiter. Ein positives Bild, mit dem sich Buben und Männer identifizieren könnten, gibt es heute praktisch nicht mehr.

Haben die Männer ihre eigene Emanzipation verpasst?
Irgendwie schon. Es hätte eine rechtzeitige Antwort auf die Veränderung der Frauenrolle gebraucht. Aber das haben die meisten Männer verschlafen. Die Politik im Übrigen auch. Wahrscheinlich wird sich erst etwas ändern, wenn die ökonomische Notwendigkeit besteht. Und dafür gibt es erste Anzeichen. Auf dem Arbeitsmarkt, speziell im technischen Bereich, fehlen junge Männer, und bei den Buben herrscht akute Bildungsmisere.

Wie äussert sich das?
Viele Ausbildner sagen, die männlichen Lehrlinge seien zu nichts zu gebrauchen. Sie könnten weder richtig rechnen noch schreiben. Das ganze Grundlagenset von Kontinuität und Disziplin bringen sie ebenfalls nicht mit. Bereits am dritten Arbeitstag kommen sie zu spät und solche Sachen. Der Arbeitgeberverband klagt schon darüber, und auf dem Arbeitsmarkt wird es noch akuter werden.

Das klingt nach einem Haufen Taugenichtse. Was ist passiert?
Es gibt mehrere Gründe. Einer ist, dass Buben in der Schule heute im Durchschnitt viel schlechter sind als Mädchen. Der typische Schulversager ist männlich und ein Problemkind. Entsprechend fehlt ihm später auf dem Markt die Qualifikation. Ich denke, Leistungsverweigerung und Disziplinlosigkeit haben mit der Orientierungslosigkeit der Männer zu tun.

Braucht es also eine gezielte Bubenförderung in den Schulen?
Inzwischen schon. Vor 30 Jahren waren Mädchenförderung und eine Anpassung der Schulbücher dringend nötig, kein Zweifel. Der grosse Fehler, den die Frauen- und die Gleichstellungspolitik aber damals machten, war, die Buben zu ignorieren. Es gibt den berühmten Satz der Feministin Alice Schwarzer, man müsse es den Söhnen schwerer machen, damit es die Mädchen leichter hätten. Das ist Unsinn. Warum muss es ein Geschlecht schwer haben? Man sollte für beide sorgen.

Werden Buben und ihre Fähigkeiten in der Schule unterbewertet?
Die Mädchen sind heute der Massstab. Buben sind zum Beispiel von Natur aus viel motorischer. Statt das zu berücksichtigen, wird es bestraft. Weibliche Fähigkeiten wie das Sprachvermögen werden bevorzugt, männliche wie etwa in den Naturwissenschaften auch schlechter benotet, zum Beispiel bei der Matur. Das ist diskriminierend.

Kürzlich hat eine Basler Schulleiterin den Buben in den Pausen das Rumtoben verboten. Stattdessen müssen sie miteinander «kommunizieren». Werden Buben systematisch entmännlicht?
Es gibt in der Gleichstellungslobby sicher ein paar bösartige Exemplare, die am liebsten eine Welt ohne Männer hätten. Generell steckt aber hinter den Entscheiden der Lehrerinnen, Psychologinnen und Sozialpädagoginnen keine böse Absicht. Männlichkeit – mit allem, was sie einst bedeutete – hat inzwischen ein sehr schlechtes Image. Darum gelten Herumrennen, Kämpfen und Toben als schlechte, Liebsein und miteinander Kommunizieren dagegen als gute Eigenschaften. Das Lehrpersonal hat einfach den Zeitgeist verinnerlicht.

In welchen anderen Bereichen werden Männer diskriminiert?
Sie haben eine tiefere Lebenserwartung, sind öfter krank und arbeitslos. Opferschutz ist auf Frauen ausgerichtet. Auch in den Bereichen Bildung, Förderung und AHV. Dann natürlich bei der Militärpflicht und bei Sorgerechtsstreitigkeiten, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die wichtigste Diskriminierung aber ist, dass Probleme von Männern gesellschaftlich gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Mainstream sind ausschliesslich die Probleme von Frauen.

Warum wehren sich die Männer nicht?
Männer nehmen sich ernst als Bankenchef, Oberst im Generalstab oder als Lastwagenfahrer – also in ihrer Funktion in der Gesellschaft. Aber eben nicht in ihrer Männlichkeit. Männer müssten zu sich stehen und für ihre Bedürfnisse, gegen ihre Nöte eintreten. Das Problem ist, dass heute alles auf die Sicht der Frauen und deren Probleme fokussiert ist. Das können primär aber nur die Männer selber ändern.

Und wie?
Männer müssten fordern, dass auch für sie etwas getan wird. Es gibt inzwischen ein unermessliches Hilfsangebot für Frauen, aber nichts für Buben und Männer. Ich habe eben selber erlebt, wie schwer es ist, das zu ändern. Ich wollte in Riehen eine Beratungsstelle für Männer in Zusammenarbeit mit der Klinik Sonnenhalde aufbauen. Vierzehn Tage vor der Eröffnung hat die Klinikdirektorin – also eine Frau – das Ganze verboten.

Welche Funktion hat Männerforschung — und braucht es sie überhaupt?
Unbedingt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Frauen sind sehr detailliert. Im deutschsprachigen Raum gibt es 250 Professuren für Frauen- und Geschlechterforschung. Alle übrigens von Frauen besetzt. Männerforschung existiert an den Universitäten hingegen nicht. Das Ganze nimmt zum Teil absurde Formen an: Es gibt eine deutsche Studie darüber, welche Qualitäten eine Frau braucht, um in Algerien Schafe zu hüten. Man weiss dagegen aber nicht einmal, warum Buben in der Pubertät acht- bis zwölfmal häufiger Suizid begehen als Mädchen.

Wann ist ein Mann ein Mann?
Eine verbindliche Definition wie früher gibt es nicht mehr. Der Mann steckt in der Zwickmühle. Auch in Bezug auf das andere Geschlecht. Einerseits erwarten die Frauen von ihm eher weibliche Qualitäten wie Kommunikationsfähigkeit, Fürsorglichkeit, Empathie, möchten aber anderseits auch einen erfolgreichen, toughen Partner. In ihrer Fantasie wollen sie sich anlehnen können. Ob sie es dann effektiv tun, sei dahingestellt. Im Notfall sollte er sie aber vor wilden Bären beschützen.

Wie können Männer zu ihrer Rolle finden?
Jeder muss heute selber herausfinden, wie er mit sich klarkommt und sich einigermassen wohlfühlt. Einige Hilfsmittel gibt es: Männerbücher, Männergruppen, Selbsterfahrung – das sind schon gute Wege. Für alle, die das nicht können, ist es mühsam, sich zu orientieren. Immer mehr reagieren aus der Orientierungslosigkeit mit Gewalt. Der Mangel an möglichen Vorbildern im Alltag ist eine der Ursachen für diesen sinnlosen Vandalismus, zum Beispiel rund um die Fussballstadien.

Durch Gewalt seine Männlichkeit entdecken?
Durchaus. Vor allem junge Männer spüren sich über Gewalt. Etwas anderes steht als Modell für sie ja nicht zur Verfügung. Wobei ich unterstelle, dass dies vor allem ein Unterschichtenproblem ist.

Und die Oberschicht reagiert mit Verweigerung — im Militär, im Job, beim Sex?
Ein heute 23-jähriger Mann ist höchstwahrscheinlich in folgender Familienkonstellation aufgewachsen: Der Vater war erwerbstätig, die Mutter Hausfrau. Er erlebte, dass der Vater das Geld heimbrachte und somit die wesentlichen Entscheidungen treffen konnte – vielleicht bis hin zur Frage, wann und wo es Sex gibt. Heute taugt dieses Modell nicht mehr. Aber es ist aufgrund der Vorstellungen von der Vergangenheit nicht einfach, sich umzustellen. Eigentlich sollten Männer froh sein, wenn sie von Frauen angesprochen werden und sich so das harte Geschäft des Werbens ersparen. Aber statt das dankbar zur Kenntnis zu nehmen, haben sie keine Erektion mehr. Die Gesellschaft müsste auch helfen, damit schon Buben ihr Rollenrepertoire erweitern können. Damit sie Stärke und Schwäche zeigen dürfen, gesunde Aggressivität und Empathie.

Ist dieser Spagat zu schaffen?
Der einfühlsame Tarzan? Ja, dieser Spagat muss möglich sein. Wenn man schaut, wie flexibel Frauen sein müssen – und es auch sind –, müssten wir Männer das auch zustande bringen. Mehr Flexibilität täte uns im Übrigen sehr gut und wäre auch spannend. Es ist ja interessant, mehrere und unterschiedliche Rollenmuster zu leben.

Bei der Umsetzung in die Praxis hapert es mitunter. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Auch bei mir ist es in der Theorie einfacher als in der Praxis. Ich musste mir die männlichen Seiten erst erobern, denn ich wuchs, bedingt durch den Krieg, in einem starken weiblichen Biotop auf. Um die so erworbenen weiblichen Seiten bin ich sehr froh. Ich schätze aber auch meine Kraft, gegen den Strom zu schwimmen, und das, was ich denke, auch wirklich durchzusetzen. Auch gegen Widerstände. Also männliche Aggressivität und Authentizität in einem durchaus guten Sinn: die Vaterseite.

Sind Sie glücklich verheiratet?
Grosso modo: ja.

Ist der Geschlechterkrieg vorbei?
Im Vergleich zu den Siebzigerjahren ist er abgeflacht, aber vorbei ist er nicht. Ich vermute, er wird sich sogar wieder verschärfen. Und zwar in dem Moment, in dem es um die wirklichen Privilegien der Männer geht und der Verteilungskampf richtig beginnt. Schauen Sie mal in gewisse Internetforen. Da ist der Krieg schon wieder voll aufgeflammt.

Braucht es Änderungen auf politischer Ebene?
Auf jeden Fall. Es gibt eine Eidgenössische Kommission für Frauenfragen, aber nichts für Männer. Das Eidgenössische Büro für Gleichstellung kümmert sich entgegen seinem Namen nur um Frauen und Mädchen. Auch in Städten und Gemeinden gibt es x Kommissionen und Initiativen für Frauen. Häufig sogar doppelt und dreifach. Mittlerweile vertritt ausgerechnet die Linke die einseitigsten und konservativsten Positionen in der Geschlechterauseinandersetzung. Sachte Forderungen, man möge sich auch um die Anliegen von Männern und Buben kümmern, kommen eher von der FDP und der CVP. In Deutschland denkt ausgerechnet die CDU über Männerquoten nach, etwa in pädagogischen Berufen. Das Weltbild ist auf den Kopf gestellt.


DER FORSCHER
Der Soziologe Walter Hollstein (70) ist Verfasser zahlreicher Sachbücher und Studien auf dem Gebiet der Männerforschung. Er war Professor für politische Soziologie in Berlin, lehrte am Institut für Geschlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen und war Gutachter des Europarats für Männerund Geschlechterfragen. Sein letztes Buch heisst «Was vom Manne übrig blieb» (2008). Hollstein lebt in Riehen bei Basel.

Interview: Ruth Brüderlin, Christoph Petermann