Dialog nach David Bohm
Wir stehen heute weltweit vor dem Problem, dass die Menschen gegeneinander statt
miteinander reden. Wir können es jeden Tag beobachten, in Fernsehdiskussionen
wie 'Zischtigsclub' oder in der 'Arena' des Schweizer Fernsehens, im Parlament,
in Firmen, in Beziehungen: wir reden aneinander vorbei, hören uns nicht
zu und wissen genau, was Sache ist und wie Probleme gelöst werden müssen.
Das passiert im Kleinen wie im Grossen.
Dabei können wir uns diese Form der Kommunikation je länger je weniger
leisten. In Beziehungen scheint das Scheitern programmiert zu sein. Auf dem
politischen Parkett erleben wir wieder eine verstärkte Polarisierung (Schlagworte
und einfache Lösungen statt gemeinsames Nachdenken über komplexe Zusammenhänge
und gemeinsames Suchen nach Lösungen) mit dem Ergebnis, dass Probleme je
länger je weniger angemessen gelöst werden können. Und in Firmen
werden weiter Spezialisten zugezogen und berühmte Namen eingekauft, die
dem Unternehmen Lösungen verpassen, anstatt auf eine lernende Organisation
hinzuarbeiten.
In Beziehungen setzt sich nur langsam die Einsicht durch, dass wir zu verschieden
sind, um von einer gemeinsamen äusseren Realität ausgehen zu können.
Männer und Frauen sind verschieden, aber wir leben alle auch auf unterschiedlichen
'Planeten', die nach anderen Regeln und Gesichtspunkten funktionieren.
Verständigung geht nur, wenn wir verzichten, zu wissen, was Sache ist.
Wenn wir anfangen, einander wirklich zuzuhören, miteinander zu denken und
gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
In der Politik müssen wir uns langsam mit der Vorstellung vertraut machen,
dass jede politische Gruppierung nur Ideen, Vorstellungen hat, was 'die
Realität' ist und wie Probleme gelöst werden können. Keine Gruppe
ist im Besitz der 'objektiven' Wahrheit, alle vertreten nur ihre Interessen,
und sie tun dies aus ihrer Sicht der Dinge, aus ihrem Verständnis heraus.
Der Dialog ist eine bestimmte Form der Kommunikation. Dabei verwende
ich den Begriff 'Dialog' in diesem Zusammenhang nicht umgangssprachlich, sondern
im Sinne David Bohms. Im Dialog kommen Menschen zusammen, um gemeinsam zu denken,
miteinander zu erkunden, zusammen nach Lösungen von Problemen zu suchen.
Der Physiker David Bohm (1917 - 1992) hat sich in seiner letzten Schaffensperiode
intensiv mit dem Dialog beschäftigt. Während es in einer Diskussion
(lateinisch von discutere = zerschlagen, zerteilen, zerlegen) darum geht, die
Ganzheit auseinanderzunehmen, zu sezieren, hat Dialog (griechisch von Dia =
durch, Logos = Wort) für Bohm die Bedeutung eines "freien Sinnflusses,
der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst". Es geht also
um Partizipation, um Teilhaben, sich beteiligen, miteinander denken.
Bohm sagt, dass es unser Denken ist, das die Welt zerteilt und das, was ursprünglich
ganz war, zerstückelt und fragmentiert.
Wir meinen, dass unser Denken die Dinge und die Erfahrungen so beschreibt, wie
sie sind. Dass wir es mit objektiven äusseren Realitäten zu tun haben,
die unabhängig von uns und unserem Wahrnehmen und Denken existieren.
Das ist ein folgenschwerer Irrtum. Wir erschaffen uns unsere Realität mit
unserem Denken, wir konstruieren sie fortwährend. Und sagen dann, wir hätten
gar nichts getan. Wir würden nur die 'äussere objektive Realität'
wahrnehmen und beschreiben. Und weil die äussere objektive Realität
eben eine objektive Realität ist, gelte sie auch für alle anderen.
Dann stecken wir wieder einmal mitten in einer unergiebigen Diskussion, die
die meisten Beteiligten unbefriedigt zurücklässt.
Zentrale Begriffe für den Dialog
Als 'Container' bezeichnen wir die Vereinbarung über Ort,
Zweck und Dauer des Dialogs.
Die Beteiligten treffen sich regelmässig alle 2 Wochen für 2-3 Stunden,
während einem Jahr oder länger. Es ist wichtig, dass diese Struktur
von allen während der ganzen Zeit aufrechterhalten wird, auch wenn es vor
allem in der Anfangsfase schwierig und unsicher ist.
Zuhören: ich muss zuerst mir selber zuhören, bevor
ich anderen zuhören kann: welche inneren Bewegungen, Gedanken und Bewertungen
entstehen in mir, wenn ich zuhöre? Wenn ein anderer erst 2 Sätze gesagt
hat, fangen wir an, innerlich zu argumentieren, eine Entgegnung vorzubereiten,
zuzustimmen oder abzulehnen, zu bewerten.
Wenn ich diese Bewegungen wahrnehmen kann, wird es möglich, diese automatischen
inneren Reaktionen etwas beiseitezustellen, um das, was ich höre, wirklich
bei mir ankommen zu lassen. Das ist dann wirkliches zuhören: nämlich
dem anderen statt mir selber.
Zuhören bedeutet, aus einem inneren Schweigen heraus etwas auf sich wirken
zu lassen.
Partizipieren: wenn ich wirklich zuhöre, kann ich teilhaben
an etwas Grösserem, ich kann teilhaben am Wesen meiner Gesprächspartnerin,
meines Gesprächspartners, und wir können in einen gemeinsamen, erfrischenden
Fluss von Austausch eintreten, der im Moment entsteht und nicht aus der Erinnerung
erzeugt ist. Das ist Teilhaben am Sein an sich.
Respektieren: (lateinisch re-spectere: erneut hinschauen, beobachten)
bedeutet, auf Abwehr, Schuldzuweisung, Abwertung und Kritik zu verzichten. Alle
dürfen so sein, wie sie sind. Jede Idee, jede Meinung ist genauso richtig
und legitim wie meine eigenen Ideen.
Artikulieren heisst, die eigene, authentische Sprache finden
und seine eigene Wahrheit aussprechen.
Wir versuchen im Dialog, von dem zu sprechen, was uns wirklich bewegt. Intellektuelle
Höhenflüge, abstrakte Abhandlungen und Selbstdarstellungen führen
nicht weiter.
'Mentale Modelle': wir reagieren alle aus inneren Annahmen
und Entwürfen heraus auf die Menschen und die Welt. Diese inneren mentalen
Modelle steuern unser Handeln, und wir interpretieren und verstehen Wahrgenommenes
mit Hilfe unserer mentalen Modelle.
Der Konstruktivismus geht davon aus, dass jede Person ihre Realität
selber schafft. Wir machen laufend Konstrukte, Annahmen über die Welt und
das Leben, aber wir erkennen es nicht als Annahmen, sondern wir sagen, dass
die Welt so ist, wie wir sie verstehen.
Im Grunde kann man sagen, dass es so viele Welten gibt, wie es Menschen gibt.
Natürlich brauchen wir geteilte Definitionen, Erfahrungen und Realitäten,
damit wir uns verständigen können. Aber diese gemeinsame, geteilte
Realität ist nur eine dünne Schicht, dünner als wir denken.
Ein Spezialfall der mentalen Modelle ist das, was wir in der Psychologie unter
'Charakterstrukturen' zusammenfassen: Wir wissen, dass Menschen ganz
unterschiedliche Entwürfe über sich selber, über die Welt und
über die wichtigen Themen des Lebens entwickeln. Die Menschen leben in
grundsätzlich unterschiedlichen Erfahrenswelten. Diese Welten sind so verschieden,
dass wir davon sprechen, dass die Menschen auf unterschiedlichen Planeten leben
mit unterschiedlicher Atmosphäre, unterschiedlichen Formen, Regeln, Grunderfahrungen,
Lebensthemen.
Es macht einen grundlegenden Unterschied, ob uns die Grundfrage nach der eigenen
Existenzberechtigung bestimmt, oder ob sich unser Erleben vor allem um die Frage
nach 'Austausch', 'zuwenig' und 'zuviel' dreht, oder ob wir uns vor allem damit
beschäftigen, was wirklich ist, wer wir wirklich sind, und was die Menschen
wirklich über uns denken.
Das heisst, dass wir nicht einmal in unseren intimsten Beziehungen davon ausgehen
können, dass wir uns einfach verstehen. Es ist auch in nahen Beziehungen
wichtig und notwendig, immer wieder zu fragen, wie das Gegenüber etwas
erlebt und versteht. Denn wir wissen in der Regel nichts von diesen unterschiedlichen
Planeten und gehen im Kontakt davon aus, dass alle anderen auf dem gleichen
Planeten wie wir selber leben und deshalb die Welt gleich verstehen wie wir.
Zu den Charakterstrukturen gehören auch Muster, die wir 'Selbstverengungen'
nennen: wir alle entwickeln bestimmte Kommunikationsmuster, die den Fluss eines
Gespräches empfindlich stören können. Wenn jemand in einem Gespräch
plötzlich innerlich eng wird, und seine ganze Aufmerksamkeit dreht sich
um die Frage, wie gut er ist, ob sein Beitrag besser oder schlechter als der
Beitrag eines anderen ist, bleibt nicht mehr viel Raum für Zuhören
und Erkunden. Oder wenn die anderen plötzlich nur noch Freunde oder Feinde
sind, hört gemeinsames Denken auf.
Es ist für den Dialog hilfreich, auch auf solche persönlichen Muster
zu achten und sie mit der Zeit zu erkennen. Dann können wir etwas mehr
innere Distanz dazu erreichen.
Suspendieren (lateinisch: herabhängen; indogermanisch:
spenn: spinnen, ziehen, etwas so aufspannen, das es sichtbar wird wie ein Spinnennetz
vor einem Fenster) bedeutet, "die eigene Meinung weder zu unterdrücken
noch stur dafür zu plädieren, sondern auf eine Weise vorzutragen,
die es einem selbst und anderen ermöglicht, sie wahrzunehmen und zu begreifen.
Suspendieren heisst, auftauchende Gedanken und Gefühle zur Kenntnis zu
nehmen und zu beobachten, ohne zwangsläufig danach handeln zu müssen."
(Isaacs)
Wenn wir unser 'Wissen' als Konstrukte erkennen, können wir im Suspendieren
unsere Annahmen und Bewertungen sichtbar machen, sie veröffentlichen, sie
vor uns 'aufhängen', sie so in der Schwebe halten und suspendieren: "das
ist meine Meinung, meine Haltung zum Thema, und ich halte diese mal in der Schwebe
und lasse mich weiter auf das ein, was da gesagt wird".
Erkunden: eine Haltung von Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit
ermöglicht, Fragen zu stellen, die uns wirklich bewegen. Und gemeinsam
zu erkunden und etwas zu entwickeln, das vorher noch nicht da war und alleine
nicht möglich gewesen wäre.
'Das Denken beobachten' bedeutet, zu lernen, dass es keine
‘objektive‘ äussere Realität gibt, sondern dass wir die
‘Realität‘ immer aus unseren eigenen inneren Annahmen, Ideen,
Haltungen, Wertungen, Urteilen und Vorstellungen heraus wahrnehmen. Wir erzeugen
innerlich mit unserem Denken Ideen, Vorstellungen, und dann sagt das Denken,
es habe gar nichts gamacht, sondern es nehme nur wahr, was ist.
Mit der Zeit erkennen wir, wie das Denken funktioniert, wir realisieren, dass
wir mit unseren Gedanken 'Realitäten' erzeugen. Und wir gewinnen mehr Distanz
zu unseren 'Sicherheiten' und Überzeugungen. Dann gewinnen wir Unabhängigkeit
den eigenen persönlichen Programmierungen gegenüber, aber auch gegenüber
von kollektiven Annahmen, die uns als Gruppe oder Gesellschaft verbinden. Und
es wird möglich, das Denken kreativer zu nutzen.
Verlangsamen: um uns in dieser Art selber beobachten zu können,
ist es nötig, den Prozess zu verlangsamen. Dann können wir beobachten,
welche Reflexe, Reaktionen, Wertungen, Gedanken und Erinnerungen auf eine Aussage
einer anderen Person in uns ausgelöst werden. Im Dialog setzen wir dazu
einen Sprechstab ein, um den Redefluss zu verlangsamen. Die Regel ist, dass
nur die Person spricht, die den Stab in den Händen hält.
Für David Bohm ist das ein zentrales Anliegen des Dialogs: wenn Menschen
diese Disziplinen gemeinsam üben, verändert sich die Atmosphäre
in der Gruppe, und die Menschen beginnen, gemeinsam zu denken, statt feste Ideen
und gut verteidigte Ansichten gegeneinander zu stellen. Und manchmal entsteht
dann in der Gruppe etwas, das über die Individuen hinausreicht, ein Aufscheinen
des 'Ganzen' oder wie immer man dem sagen will. Plötzlich sind wir nicht
mehr getrennte Personen, sondern es wird plötzlich denkbar, dass wir schon
immer in einem grossen gemeinsamen Ganzen gelebt haben, und dass es unser Denken
ist, das uns zu Einzelindividuen denkt und 'fragmentiert'.
Üben: am Ausbildungsinstitut
GFK in Zürich gibt es seit 1999 die
Möglichkeit, den generativen Dialog zu üben. Die offene Dialog-Gruppe
trifft sich alle 3 Wochen jeweils am Dienstagabend am GFK-Institut an
der Konradstrasse 54 in Zürich. Die Gruppe ist offen für alle
Interessierten, die Teilnahme ist kostenlos. Kontaktperson
für die Gruppe ist Lisa Jud, Email: lisajud@bluewin.ch
Weiterbildung in Dialog nach David Bohm: Am 14./15. September 2012 beginnt eine weitere Weiterbildung zum Dialog-Begleiter. Die Weiterbildung wird vom Ausbildungsinstitut GFK in Zürich angeboten. Sie geht über 3 Semester und kann mit einem Diplom abgeschlossen werden. Hier können Sie den Flyer zur Dialog-Weiterbildung 2012-2014 runterladen. Ich arbeite zusammen mit Lisa Jud als Ausbildner für diese Ausbildung.
Der Dialog wird als generativer Dialog in verschiedenen Bereichen angewandt
und geübt: zum Beispiel in einer offenen Dialoggruppe wie der oben erwähnten.
Der Dialog hat aber auch in der Schule, in der Verwaltung, in der Familie, in
politischen, sozialen oder ökologischen Gruppierungen sehr gute Wirkungen
auf die Art der Kommunikation und die Atmosphäre in der Gruppe.
Der strategische Dialog gehört in die Umgebung von Firmen und politischen Organisationen. Die Firma oder Organisation versucht mit Hilfe des Dialogs, wichtige Ziele zu erreichen. Im strategischen Dialog ist der Dialog das Mittel, um Ziele zu erreichen, die in der Regel vorgegeben werden. Das kann für eine Firma Innovation, Kreativität, Effizienz, Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit, Umgang mit Fehlern, oder wichtige strategische Fragen zur weiteren Entwicklung der Organisation oder der Produkte sein, um sich im Markt erfolgreich bewegen zu können.
Für politische Organisationen geht es um neue Lösungen für gesellschaftliche Probleme und Fragen, die Bedeutung haben. Im Grunde geht es darum, zu vorgegebenen Fragen neues Wissen zu generieren, das wichtig ist für die weitere Entwicklung der Organisation.
In der Regel nehmen Organisationen für diesen strategischen Dialog die Hilfe externer Dialog-Begleiter in Anspruch. Der strategische Dialog steht im Zusammenhang Lernender Organisationen.
Literatur: Bohm, David, Der Dialog, Das offene Gespräch am Ende
der Diskussion, Klett Cotta 1998
Hartkemeyer, M. & J.F., Freeman Dhority L., Miteinander Denken: das Geheimnis
des Dialogs, Klett Cotta 1999
Isaacs, Willliam: Dialog als Kunst gemeinsam zu denken. Die neue Kommunikation
in Organisationen. EHP Organisation 2002
Für eine Buchbesprechung, hier klicken!
Geiser, Christiane: Der Dialog nach David Bohm. Eine Einführung.
Falls sie sich noch weiter über den Dialog informieren möchten, gibt
es hier einen längeren Text über Dialog von David Bohm, Donald Factor
und Peter Garrett: Dialog,
ein Vorschlag.