Denkfutter
Unter dem Titel «Denkfutter» werde ich in regelmässigen
Abständen ein Thema aus meiner Arbeit aufgreifen und einige persönlichen
Gedanken dazu formulieren. Diesmal:
Stress und der Hang nach dem Absoluten
Stress, was ist das, und wie kommt er zustande?
Eine mögliche Erklärung und Beschreibung ist: Stress entsteht im Zwischenraum
zwischen dem, wie etwas sein sollte und dem, wie etwas tatsächlich ist.
Die Dinge sind wie sie sind.
Es gibt Dinge, die können wir ändern. Wenn Sie zum Beispiel erkennen,
dass es Ihnen nicht gut bekommt, jeden Abend vor dem Fernseher zu sitzen: na,
worauf warten Sie noch?
Viele Dinge können wir nicht ändern. So gross und mächtig sind
wir doch wieder nicht.
Trotzdem verhalten wir uns so, als ob wir alles ändern könnten. Wir
stellen uns gegen die Dinge, wenn sie nicht so sind, wie wir es uns vorstellen.
Und damit schaffen wir diese Diskrepanz zwischen wie etwas ist und wie etwas
sein sollte. Und damit erschaffen wir uns täglich unseren Stress. Selber.
Da kommt mir meine Erfahrung mit den Hunden beim Joggen in den Sinn. Ich hatte
immer die Erwartung und den Anspruch, dass alle Hunde aufs Wort gehorchen müssten.
(Sonst müssen die Hundehalter diese eben an die Leine nehmen, ist doch
ganz einfach, oder?). Dann könnte ich in Ruhe joggen und würde nicht
von den Hunden gestört. Und ich produzierte durch diese Diskrepanz zwischen
dem, was war und dem, was hätte sein sollen, für mich und die Hundehalterin
Stress.
Bis ich eines Tages beim Joggen wieder einmal von einem Hund angesprungen wurde.
Aus irgend einem Grunde reagierte ich nicht aggressiv wie gewöhnlich, sondern
schaute erst einmal. Dann kam ich mit dem Hundebesitzer ins Gespräch. Er
erklärte mir, dass der Hund noch jung ist (das hatte ich vorher gar nicht
gesehen) und dass dieser erst lernen muss, Jogger nicht anzuspringen. Das habe
ich gut verstanden. (Ich wurde glücklicherweise noch nie von einem Hund
gebissen und habe deshalb keine Angst vor Hunden).
Seither schaue ich die Hunde genauer an. Wenn ich sehe, dass ein Hund unruhig
ist oder nicht unter Kontrolle, marschiere ich, bis ich am Hund vorbei bin.
Ich orientiere mich nicht mehr am absoluten Ideal, sondern am Leben, an der
Situation, wie sie ist. Und damit erzeuge ich für mich keinen Stress mehr,
und auch für die Hundehalterin nicht.
Und schon ist die Welt wieder ein ganz klein wenig friedlicher geworden.
Wenn wir nicht am Absoluten hängen, sondern uns an dem orientieren, was
wir tatsächlich vorfinden, schaffen wir ein kleines Stück Frieden
in unserem Leben und in unserer Welt.